www.jacobs-sabine.de

50 lines in touch, 2015, Detailansicht

Da schau her …

unerwartet ein Blick, ein Gedanke, eine Bewegung, die uns verbindet. 

Volkmar Köhler sprach zur Ausstellung mit Werken von Sabine Jacobs und Brigitta Loch im K 55, der Galerie des Künstlerbund Heilbronn e.V. im Jahr 2013.

Die Sommerpause ist vorbei, der Sommer offensichtlich zum Glück noch nicht, und wir starten ins zweite Halbjahr unseres Ausstellungsprogramms mit der Präsentation zweier Künstlerinnen – Brigitta Loch (Kirchheim am Neckar) und Sabine Jacobs (Eifel – Monschau). Die geographische Entfernung täuscht. Sabine Jacobs hat eine Zeitlang ebenfalls in Kirchheim am Neckar gelebt und gearbeitet und beide haben damals auch gemeinsame Projekte realisiert.
So z.B. 2004 in Brigitta Lochs Atelier eine gemeinsame Ausstellung mit Performance-Aktion oder die Beteiligung am Kirchheimmer „Kunst im Mai“ mit Installationen im öffentlichen Raum und in historischen Gebäuden. 

Der Autor bezieht sich hier auf die Präsentation „wortlos und wortgetont“, welche hier schon eine nicht sichtbare und doch im Raum präsente Verbindung der sehr unterschiedlichen künstlerischen Medien thematisiert, sowie die Installation „Malefiz“ im Gefängnisttürmle von Kirchheim am Neckar und die interaktive Installation „Niker“ im Zehntkeller des evangelischen Pfarrhauses. Kommentar Sabine Jacobs, 2018

Da schau her … unerwartet ein Blick, ein Gedanke, eine Bewegung, die uns verbindet. – Für diese Ausstellung heute haben sie einen unkonventionellen Titel gewählt, der dem Besucher als Leitfaden und Hinweis dienen soll, auf die Zwiesprache von Objekt und Bild zu achten, deren Kommunikation zuzuhören.

Bei Sabine Jacobs beginnt das Objekt mit der Zeichnung. Sie schöpft aus der nahen Naturumgebung oder nimmt sich einzelne Fundstücke vor. Am Zeichentisch beginnt die Verwandlung. In Mischtechniken von Stift und Farbe entstehen Serien von Blättern, die aus organischen Grundformen eine eigene Flora und Fauna entstehen lassen.
So wachsen schrittweise Vorlagen, aus denen im zweiten Verwandlungsprozeß die filigranen und zerbrechlich anmutenden Wesen entstehen.
Die „Nymphe“ z.B., die uns am Eingang empfängt. – Ein Flugwesen, das den Boden kaum berührt – ist es gerade angelandet oder im Begriff auf zu steigen? Fast körperlose Hülle, doch in der Haltung wie zur Balz geplustert – einer Balz, die angesichts der Hinfälligkeit des Äußeren wie ein Aufschrei gegen die Vergänglichkeit wirkt.
Nymphen sind nämlich nicht nur die auf den Gemälden mit römisch-griechisch-klassischen Themen abgebildeten leichtbekleideten immer jungen Frauen, sonder auch Naturgeister, die in ihrer Lebensdauer an den Zyklus des Werdens und Vergehens der Natur gebunden sind.
So entspringt Sabine Jacobs Nymphe – entkleidet von unseren romantisierenden Bildern – direkt dort, wo unser Empfinden von Beklemmung und Faszination zugleich wurzeln, wenn wir Natur erleben, genießend oder ausgeliefert.
Für die Künstlerin ist der Draht der verlängerte Zeichenstift. Sie begreift ihre Objekte als Zeichnungen im Raum. Die Hülle aus mit Öllasur eingefärbten Seidenpapieren ist so durchscheinend, daß das Skelett (die Linien) dominieren. Und dennoch ist die Nymphe körperlich präsent.
In fast sakraler Inszenierung die Raumzeichnung „femme“. Ein eher symbolischer Titel für einen Altar der Schönheit – flügelbreitend wie ein Vogel oder Engel. Raumgreifend obwohl nur leicht geerdet. Flüchtig wie ein Schmetterling durch die Bewegung, die Sabine Jacobs Objekten eigen ist, so als wollten sie im nächsten Augenblick den Sockelboden wieder verlassen.
Die Naturanschauung dahinter sind Studien zur Blüte der Orchidee am Punkt ihrer reifsten Entfaltung kurz bevor die Pflanze die Blüte abwirft. – Ausprägung der Schönheit im Moment des Vergehens. – Das zyklische Zeitschema der Natur in einem Augenblick gebannt, ist wiederkehrendes Thema der Arbeiten von Sabine Jacobs.
Eine zunächst andere Geschichte erzählen die „arounds“. – Keine Einzelwesen mehr, sondern verdichtete Struktur, die sich wie um eine magnetische Mitte gruppiert. Ansammlung, Menschenauflauf um eine Sensation inmitten, denke ich als Betrachter. Oder Wagengurg – zusammendrängen als Schutz und Abwehr gegen Äußeres.
Aber das Objekt läßt Durchblicke, Atemraum für die versammelten Figuren. Uns es sind organische Formen wie naturgewachsene, sich stetig ausbreitende lockere Jahresringe.
An dieser Stelle hilft uns ein Blick in die Entstehungsgeschichte und Arbeitsweise. – Der Eisendraht wird hier zunächst zu einer flachen grob rechteckigen Netzstruktur geknotet. Zwischenräume werden teilweise mit Papier kaschiert und farbig öllasiert.
Die Größe des entstehenden Reliefblattes bemißt sich am menschlichen Maß der Künstlerin, der Hand (bei einem anderen Objekt die Elle, des Unterarms). – Aus 21 Blättern formt sich am Ende jedes „around“ – zu einem Arbeitstage-Buch geknotet. Die Seiten ungeschnitten, ausgezahnter als jedes Büttenpapier, werden sie nicht zwischen Buchdeckel gepreßt, sonder falten sich lose auf, lassen den eingeschriebenen Gedanken Räume.
Für die Künstlerin ist es Zeitspiegel ihrer Arbeit und gedanklicher Raum mit all der Freiheit für den Betrachter im Netzt der organischen Linien das Nest zu finden, in das er seine Assoziationen einbettet.
Die Zeichnungen dieser Ausstellung sind nicht die vorhin beschriebenen Studien der Natur als Vorarbeiten zur dreidimensionalen Plastik. Es ist eine eigene Serie spontaner Improvistionen zur Musik von Roland Graeter. Musiker und Komponist. Initiator des Musikmarathons 2011 (365 Duo-Konzerte für improvisierte Musik an 365 Orten), im Jahr davor beim Kunstwochenende beteiligt an der Performance von Lore Jahnel-Kollreider und Sabine Jacobs hier in der Kunstetage (K55). – Hier hat die Musik den Stift geleitet. Stetigkeit des Rythmusses, der Wechsel der Klanghöhen, die Aneinanderreihung von Variationen eines Themas, Sissonanzen, Vibrationen, Stakkatos, Schwingungen werden gefiltert durch den beim Zuhören ausgelösten Gemütszustand umgesetzt in Schwünge, in kreisende und fliehende, verschlungene und aufstrebende, fette und flüchtige Linien. Ein Überkreuzen zweier Künste, das Geschichten erzählt über den „Duktus“ – so heißt die Seherie – der Künstlerin wie über die Musik und dabei neue Fabeln erfindet.
Eingebettet zwischen diesen fröhlichen expressiven Fabeln blickt „Grace“ versonnen auf das „around“. Versunken, nach innen gekehrt, Gedanken nachhängend. Die Augen verschattet, bestimmt doch der von uns abgekehrte Blick das Bild. Die Frau hat zwar einen Namen, aber es ist nicht deren Geschichte, die hier erzählt wird, sondern es ist das Nachspüren eines charakteristischen Momentes, eines Ausdrucks, der über die Person hinausweist.

Brigitta Loch malt keine realen Portraits.
Manches Mal tauchen Gesichter aus der engeren Umgebung der Künstlerin auf, aus Freundeskreis, Familie oder Verwandtschaft. Manches Antlitz stammt aus einer bildlich festgefrorenen Szene eines Filmes (was früher der Bildzettelkasten des Künstlers war, ist heute YouTube). Doch beide verändern sich im Malprozeß, denn es geht nicht ums Wiedererkennen und nicht ums Repräsentieren wie in der klassischen Portrait-Malerei. Die Bilder lassen keine Rückschlüsse auf Beruf, Stand oder Einkommen zu und auch die Herkunft ist unwichtig.

Wichtig ist die Körperhaltung, insbesondere die des Kopfes. – Wir wissen, daß der Körper spricht, wir rgistrieren es bei uns selbst und verstehen es bei Anderen auch als Signal, oftmals aber bleibt es unbewußt. Die Augen gelten dabei als sprechendstes Organ.
Nicht zufällig blickt uns ein ungleiches Paar Augen aus zwei verschiedenen Gesichtern isoliert vom Mienenspiel unmittelbar an und zwingt uns, standzuhalten. Da schau her …
Und die Augen gelten als Seeleneingan, als Spiegel der Seele und auch als Spiegelung des Gegenüber, wie es das rechte Bild im Lichtspiel zeigt.
Was ist das Besondere an diesen Gesichtern, daß sie uns so anspringen, uns so nahe kommen? Sind es wirklich die Augen? Sicher, wir werden angeschaut, oft abergeht der Blick an uns vorbei oder nach unten, meist aber nach innen. Die Personen sind auf sich konzentriert, gesammelt, nachdenklich. Und diese Innenschau gebiert den Hauch von Melancholie, der sich über manche der Gesichter legt.
Entscheidend ist jedoch die Konzentration auf das Wesentliche der Gesichter, die den ganzen Bildraum ausfüllen. – Das Wesentliche im Lebendigen des Antlitzes zu finden, es nicht im Mienenspiel zu suchen, nicht in der Koketterie oder Inszenierung, sonder den Charakter aufzuspüren im klaren, ernsten Ausdruck, der durch nichts getrübt ist. Und hierin ist Brigitta Loch in den neueren Bildern noch konsequenter geworden.
Sie hat die Farbigkeit zurückgenommen. Zum Einen in den Gesichtern selbst wie auch im Hintergrund – der zwar in ihren ildern noch nie eine Hauptrolle spielte, aber gerne mit einer Kontrastfarbe belegt wurde. Heute dominieren die Hauttöne – wenn sie nicht nur mit Schwarz, Weiß und Grauabstufungen arbeitet. Der Hintergrund wird mit der Grundfarbe leicht getönt – wie in Grace – und bekommt ein neues Strukturelement: das Trielen der Farbe (Trieler ist ein Farbtropfen, der nach unten abhaut, weil die Farbe zu flüssig ist). Der Charakter des Infinito, wie die Kunsthistoriker sagen würden, die Spuren des Arbeitsprozesses und die nicht zu Ende gemalten unwichtigen Teile lenken das Auge des Betrachters zusätzlich auf das Wesentliche des portraitierten Antlitzes. Besonders ausgeprägt und eindrucksvoll ist das bei der kleinerformatigen Studienserie.
Das Trielen der Farbe als Gestaltungselement hat noch eine andere, symbolische Dimension. – Nehmen wir dazu das Bild „o.T.“ am Eingang als Gegenüber der „Nymphe“. Ds Gesicht einer jungen Frau mit glatter Haut und offenem Blick trägt die weißen Haare einer Betagten. Die im Schwarz-Weiß des Hintergrundes heruntergelaufenen Farbe verstärkt die Bildaussage der Vergänglichkeit von Schönheit.
… unerwartet ein Blick, ein Gedanke, eine Bewegung, die uns verbindet …
Brigitta Loch malt Frauengesichter – zumindest kenne ich von ihr nur weibliche Portraits. Auch bei ihren gelegentlichen Ausflügen in die ländliche Fauna bleibt sie sich treu. Die Kühe haben es ihr angetan. Und ihre Kühe tragen Hörner, was heute selten ist, weil ihnen meist im Kalbesalter die Hörner kupiert werden. Begründung dafür: Die gegenseitige Verletzungsgefahr bei Massentierhaltung.
Diese Wiesenschöne trägt stolz ihren Kopfesschmuck ebenso wie Kuh Donna. Das Gegenstück zu „femme“ – erdenschwer, behäbig und unerschütterlich präsent. Und auch hier interessiert Brigitta Loch nicht der Körper, sondern sie malt sie als Individuen mit Charakterköpfen und verleiht ihnen Würde. Und wenn wir genau hinsehen, tragen wir menschliche Züge. – Vielleicht halten wir uns ja für einmaliger als wir tatsächlich sind.

(Text veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors Volkmar Köhler 2013)

 

© Sabine Jacobs / Mitglied bei VG Wort und Bild