www.jacobs-sabine.de

50 lines in touch, 2015, Detailansicht

unterwegs  – Eröffnungsrede Sabine Call 1996

Aus der uferlosen Literatur, die sich im Laufe von Jahrhunderten müht, darzulegen, was eigentlich die Eigenschaften eines Kunstwerkes sein sollen, ragt ein Satz von Goethe hervor, den ich hier gerne zum Einstieg heranziehen möchte:

             „Den STOFF sieht jedermann vor sich, den GEHALT nur der, 

              der etwas hinzuzutun hat, und die FORM ist ein Geheimnis den meisten …“ 

                                                                                                                   (Zitat Goethe)

Das erste und zugleich gewöhnlichste Interesse eines Betrachters gilt dem Dargestellten, dem Stoff also. Bei der Suche nach dem Stoff, dem Gegenstand sollten Sie sich bei den Arbeiten von Sabine Jacobs nicht zu lange aufhalten. Auch der Künstlerin dient er nur – sie sucht stets den sinnlichen Bezug zum Gegenstand, um malen zu können, und diesen Gegenstand findet sie ausschließlich in der Natur. Insekten und Pflanzen gilt ihr Hauptinteresse, deren mannigfaltige natürliche Formveränderungen sie beobachtet und für ihre künstlerische Aussage nutzt.
Damit auch Sie sich nicht zu lange der der Suche nach der Nebensache „Gegenstand“ aufhalten, möcht ich ihnen diesen schlicht verraten: Es ist Platago lanceolata – unter uns kennt man ihn auch als ‚Spitzwegerich‘. Und wir können ihn in immer wieder neugesehenen Momenten eines bestimmten Lebenstadiums beobachten: Dem Sich-loslösen der Pollen.

               „… den Gehalt sieht nur der, der etwas hinzuzutun hat …“ (Zitat Goethe)

Jeder Kunstinhalt sucht im Betrachter sein Gegenbild. Der Dialog Kunstwerk – Betrachter ist also unumgänglich, will man sich dem Gehalt nähern. Er ist im Grunde immer ein Dialog mit sich selbst, denn der Betrachter nimmt in allem was er ansieht, immer sich selbst wahr. So kann auch mein ‚Hinzutun‘ – die Neigung zum Einen und Ablehnung des Anderen – nur ein persönliches sein.

„Unterwegs“ – betitelt Sabine Jacobs die Reihe von Zeichnungen. Die Reihung ist eine oft gewählte Form ihrer Präsentation. So kann ein Vorgang, eine Situation beschrieben oder von immer neuen Perspektiven aus verfolgt werden. So befinden wir uns bereits ‚unterwegs‘ beim Abschreiten dieses Zeichenbandes, welches jedoch keinen konkreten Anfang oder Ende besitzt.

‚Unterwegssein‘ verbinden viele von uns vielleicht auch immer mit einem bestimmten Ziel, welches man erreichen will oder angestrebt wird. Den Lebensabschnitt unserer Pflanze, den wir immer wieder neu beobachten können: Das Loslösen der Pollen, hat zwar das Ziel der Arterhaltung bedeutet aber zeitgleich das Einsetzen des Verwelkens, des Sterbens und einen Neubeginn.
Und so entpuppt sich für mich der Begriff ‚unterwegs‘ als ein endloser und zielloser, oft wiederholender, aber auch niemals vorhersehbarer Prozeß, den ich auf die menschliche Natur, wenn nicht sogar auf das Leben ansich erweitern möchte.

Um Goehtes Satz weiter zu folgen:

                “ … die Form ist ein Geheimnis den meisten … “ (Zitat Goethe)

Die Form ist ein Geheimnis, da die Auslösung von Emotionen durch ein Bild, obwohl sie durch gewisse Bildelemente, die Spannung und Entspannung bewirken, erfolgt, ihre Ursache im Irrationalen hat. Und gerade die Zeichnung ermöglicht durch ihre Spontanität einen unmittelbaren Zugang.
Wer Sabine Jacobs Arbeiten über diese Ausstellung hinaus kennt, wird zustimmen, daß sie ihre eigene künstlerische Sprache gefunden hat. (Für Künstler eine existenzielle Frage, die heute leider nicht von jedem als selbstverständlich gesehen wird.)
Reduktion macht sie zum Prinzip. Sowohl in der Wahl der verwendeten Materialien – Papier, Graphit, zwei bis drei Farben, Draht, als auch im Umgang mit Linie und Form. So entstehen fragile Objekte, sei es als Skulptur oder in der Zeichnung, die auch durch ihr Fragmentarisches den ebengenannten unmittelbaren Zugang ermöglichen und uns ein persönliches ‚Hinzutun‘ erlauben.
Die hier zu sehenden Zeichnungen sind nicht in einem Zug, wie man dies vielleicht bei einer Zeichnung erwartet, entstanden. Auch wurde nicht ein Blatt nach dem anderen erarbeitet. Vielmehr arbeitete Sabine Jacobs hier parallel: hier wurde Farbe aufgesetzt, dort weiter gezeichnet oder überzeichnet – hier wieder in die Farbe hineingekratz. So hält sie die notwendige Spontanität aufrecht und die Arbeiten bleiben stets in Bewegung – auch jetzt noch.
Und so möchte ich den Titel’unterwegs‘ auch auf den kreativen Prozeß ausdehnen, und zwar auf den des Künstlers als auch auf den des Betrachters und erlaube mir, die Zeichnungen in meiner Phantasie weiter zu zeichnen. –

                                                                                                                                                                                                                                            Text: Sabine Schmitz-Call, 1996

 © Sabine Call und Sabine Jacobs

© Sabine Jacobs / Mitglied bei VG Wort und Bild