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50 lines in touch, 2015, Detailansicht

Wege im Studium – Georg Schümmer, Autor und als Werkstattleiter Farbe, Fachhochschule Aachen, Fachbereich Design sprach zur Einführung der Ausstellung „Wege im Studium“ – Zeichnung, Druckgrafik und Objekte von Sabine Jacobs im Finanzamt Aachen Innenstadt, Dezember 1993.

… Es lohnt sich wieder ins Finanzamt zu gehen!
Für die Anwesenden, denen die tradionelle Gastfreundschaft dieses Hauses gegenüber dem Fachbereich Design der Fachhochschule Aachen – hier mit besonderem Dank erwähnt – noch kein Begriff ist; das Finanzamt Aachen wird nicht zum Museum umgewidmet.

Was hier im etwas dusterem Erdgeschoß mit scheinbar sparsamen Klängen beginnt, setzt sich fort zu Gesang, zu Lobgesang an die Natur, machen wir uns die Müh‘, Stufe um Stufe emporzusteigen.
Die Kunst des Müßiggangs ist geboten, will der Betrachtende sich vertraut machen mit den künstlerischen Empfindungen und Aussagen der Sabine Jacobs. An ihren Bildern kommt niemand vorbei, indem er an ihnen vorbeikommt.
Während der Ausstellungszeit wäre es wünschenswert, den Hausaufzug außer Betrieb zu setzen.

In G.Chr. Lichtenbergs Sudelbüchern fand ich den Spruch:

Der Maler, der ein Gesicht mit wenigen
Strichen in der Geschwindigkeit trifft,
muß unstreitig in dem Gesicht mehr sehen
als ich, obgleich, wenn er es mir erklären
will, weil er nur Worte gebrauchen kann, die
alle schon gestempelt sind, weiter nichts
sagt als ich auch.

Das ermutigt mich. Über Sabine Jacobs Bilder zu sprechen, glaube ich zwei Wege beschreiten zu dürfen. Auf dem ersten sage ich mit dürren Worten, wie Sabine zu den Dingen kam. Ich nenne ihn den prosaischen. Dann gibt es noch den poetischen.

Sabine Jacobs sagt u.a. zu ihren Arbeiten: „Treibende Idee ist die Sensibilisierung für die stillen uns umgebenden Kleinigkeiten. Ist ein Gegenüber in Gestalt einer Pflanze, eines Tieres oder auch nur eines leblosen Restückes gewählt, hat die Kommunikation mit meinem Gegenspieler begonnen.“

Frau Jacobs studierte bei Prof. Dr. Ulf Hegewald im Fachbereich Design an der Fachhochsule Aachen. Im vergangenen Sommer erwarb sie das Diplom. In dieser Ausstellung, angeregt durch Professorin Christiane Meaether, finden sie Ergebnisse aus dem Hauptstudium, einschließlich der Diplomarbeit.

Die Vielfalt in der Auseinandersetzung, die Anwendung der unterschiedlichen Gestaltungsmittel, der Weg, auf dem wir der naturrealistischen Zeichnung begegnen, die sich als hilfreicher Wegweiser erweist, zu experimentellen Taten in Farbe, Ornamentik und räumlichen Gebilden, sind Zeugnis gefestigter Bildsprache.

Es enstanden Objekte aus Draht und Papier, die dem Betrachter eine andere Wahrnehmunsform darbieten, als die zahlreichen Zeichnungen und Malereien. Manches ist zu Umgehen und vermittelt gesteigerte Sinnesreize durch Standort und Lichtwechsel.

Linie, Licht und Materialität, auch primäre Ausdrucksmittel bei der im Erdgeschoß – von der renommierten Firma Oidtmann in Linnich hergestellten – angebrachten Glasgestaltung. Noch intensiver die Ausstrahlung, noch überraschender die wechselnden Veränderungen beim Glasfenster, verursacht durch die Ausdrucksvielfalt des beeinflussenden Lichtes, der Tages- und Jahreszeiten.

‚So trat das Wunderland gemach ans Tageslicht heraus‘ (Zitat: L. Carroll)

Eifel – Venn

Huflattich,
Widertonmoos, auch Goldenes
Frauenhaar genannt,
Bürstenmoos und Glockenblume

– Innehalten – sich den Dingen nähern; allen Dingen der Schöpfung, auch den kleinen und leisen, sich mit Aufmerksamkeit nähern, sich ihnen öffnen. Diese Botschaft gehört zu den Geschenken, die Sabine uns mit ihren Zeichnungen, Malereien und filigranen Geschöpfen in dieser Ausstellung vermacht. Nachsinnen, horchen auf ferne, fast verlorene Töne, Eindringen in die kleinen Großwelten der Schöpfung
waren ihr Anlaß, Wege des Sichtbarmachens zusuchen, Mitteilungen hervorzuheben und so zu deuten, daß sie dem Schauenden Anlaß geben, sich ein Bild zu machen.

Die beim Studium der Pflanzen sich einprägende Genauigkeit der faszinierenden Naturformen, werden bei der Verbildlichung in Frage gestellt, einer Befreiung ausgesetzt und von der Künstlerin zu neuem Leben, in anderer Gestalt und wohltuender Klangwirkung erweckt. Scheinbar feste Umrisse lösen sich auf, Übergänge werden neu gedeutet und bedürfen Entscheidungen, die aus dem künstlerischen Vermögen zu entwickeln sind.

Sabine Jacobs Bilder und Objekte sind farbige Gedanken und Schöpfungen, entnommen einer uns nahen und doch so fernen Welt, die offen und doch so verschlossen sich uns darbietet, oder anders, einem Kosmos, dem wir unser Gesicht abgewendet haben.

Als Zeuge ihrer intensiven künstlerischen Arbeit, hätte es mich nie gewundert, von Sabine den Ausruf zu vernehmen:

                        “ …. es vergeht kaum eine Viertelstunde,

ohne daß ich nicht größer oder kleiner werde.“ (Zitat aus Alice im Wunderland)

Georg Schümmer, 1993

Urheberrechte: Georg Schümmer, Aachen                                  ©Sabine Jacobs / Georg Schümmer

© Sabine Jacobs / Mitglied bei VG Wort und Bild